UMSICHT-Wissenschaftspreis 2025
Dagmar Röhrlich
Feature im Deutschlandfunk: »Billiger Bohren – High-End-Technologie für eine bezahlbare Geothermie«
Was bedeutet der UMSICHT-Wissenschaftspreis für Sie?
Da ich schon sehr lange im Wissenschaftsjournalismus arbeite, gibt es Entwicklungen, die ich mit Sorgen sehe. Wissenschaftsjournalismus verliert seit Jahren an Sendeplätzen und Redaktionsbudgets, bei den Zeitungen sieht es eher noch schlimmer aus. Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der Desinformation über soziale Medien rasant zunimmt. Diese gegenläufige Entwicklung ist angesichts der Herausforderungen, vor denen wir stehen – Klimawandel, Energiewende, Gesundheitskrisen –, geradezu alarmierend. Umso wichtiger sind Signale wie der UMSICHT-Wissenschaftspreis: Er zeigt, dass es Menschen in der Forschung gibt, die sagen: Ja, wir brauchen diese Vermittlungsarbeit, wir schätzen sie. Das ist Rückenwind für alle, die daran glauben, dass komplexe Themen wie Tiefbohrtechnik oder Energiewende ihren Platz in der öffentlichen Debatte verdienen.
Sie haben den Preis 2025 für Ihr Radio-Feature über Tiefbohrtechnik erhalten. Welche Stärken hat Audio, wenn es um Wissenschaftskommunikation geht?
Radio ist vielleicht das unterschätzteste Medium der Wissenschaftskommunikation. Seine größte Stärke ist die Unmittelbarkeit: Man hört, wie jemand denkt, zögert, sich begeistert – das schafft eine Nähe, die kein geschriebener Text erreicht. Und dahinter steht etwas viel Älteres: Menschen geben seit jeher Wissen mündlich weiter – am Feuer, auf Reisen, von Generation zu Generation. Radio knüpft an diese älteste Form der Wissensvermittlung an. Es ist direkter, persönlicher als fast alles andere. Man braucht keinen Bildschirm, keine Grafik – nur eine Stimme und jemanden, der zuhört.
Sie sprechen während Ihrer Recherchen mit Forschenden, Unternehmen, Politiker*innen, Bürger*innen. Woran merken Sie in Interviews, ob eine Technologie das Potenzial hat, eine breite Masse zu erreichen?
Meistens sind es drei Dinge: Erstens, ob sie ein echtes Problem deutlich besser löst als der Status quo – also einen Vorteil bietet. Zweitens, ob sie sich ohne große Friktion in den Alltag oder bestehende Strukturen integrieren lässt und nicht zu kompliziert wirkt. Und drittens, ob außerhalb der typischen ‚Early Adopters‘ schon pragmatischere Nutzergruppen interessiert sind – etwa wenn Unternehmen, Behörden oder Verbände anfangen, konkrete Anwendungsfälle zu formulieren. Wenn in Interviews genau diese Punkte von sehr unterschiedlichen Gesprächspartnern wiederkehren, ist das für mich ein deutliches Indiz für Massenpotenzial.
Welches bislang wenig beachtete Energiethema wird uns Ihrer Meinung nach in den nächsten zehn Jahren überraschen?
Tiefe Geothermie gehört mit Sicherheit dazu – aber auch die konsequente Nutzung von Abwärme, sei es aus der Industrie oder aus Rechenzentren. In Deutschland dürften künftig auch Aquiferspeicher in ihren verschiedenen Varianten ein Thema werden. Denn wir haben nicht nur ein Energie-, sondern vor allem auch ein Speicher- und in vielen Städten ein Platzproblem. In den Niederlanden werden Aquiferspeicher bereits auf breiter Basis genutzt – das dürfte sich auch hier durchsetzen. Und schließlich könnte die Energiegewinnung aus Meereswellen und Meeresströmungen interessanter werden, als viele heute denken.
Beim Wasserstoff dürften uns die Transport- und Speicherprobleme noch intensiv beschäftigen – wir reden schließlich über ein extrem flüchtiges Gas. Und dann gibt es eine Herausforderung, die bisher zu wenig Aufmerksamkeit bekommt: Wenn wir auf eine Vielzahl dezentraler Energiequellen setzen, müssen wir sicherstellen, dass sie sich nicht gegenseitig kannibalisieren. Intelligente Systeme zu entwickeln, die das koordinieren, wird noch viel Forschung erfordern.
